Samstag, 26. Oktober 2019

Fragen über Fragen

Ein wesentliches Ziel der Konsultation war von Anfang an die Generierung von geeigneten, guten Fragen für eine Verständigungsprozess in den Mitgliedskirchen über den Stand und den Zustand der weltweiten lutherischen Gemeinschaft, die lutherische/n Identität/en.

Aber wie geht das wohl mit mehreren, sehr verschiedenen Akteuren aus verschiedenen Kontexten? Die Vorbereitenden, namentlich Dr. Chad Rimmer, haben sich sehr viel methodische Hilfestellung einfallen lassen und den Prozess deutlich auf dieses Ziel hin fokussiert.

Es bleibt am Ende trotzdem zunächst ein offenes und unfertiges Ergebnis, eine erste Ernte, die jetzt weiterverarbeitet werden muss: viele Fragen, aus denen ein Forschungsinstrument entstehen soll.

Diese Arbeit wird im Wesentlichen in Genf auf der Grundlage der Arbeitsergebnisse aus den Regionen getan werden. Und dann wird die Befragung in den Kirchen, Gemeinden, Gruppen vor Ort geschehen und in die Untersuchung einfließen.

Freitag, 25. Oktober 2019

Storytelling

Aus einem Impuls in der Diskussion heraus, ergab sich eine Einladung, an einem Abend aus dem eigenen Leben zu erzählen, wie jemand das Wirken des Geistes erlebt hat, was die eigene geistliche Identität geprägt hat.

Es war sorgfältig vorbereitet, aber sehr einfach. Die Stunde war sehr schnell vorbei und es waren nicht alle Geschichten erzählt. Aber es waren Tränen geflossen, Gebete gesprochen, Herzen bewegt und Hände gedrückt worden. Der Raum war erfüllt mit Geist und mit Wahrheit.

Ich habe mich gefragt, warum das so selten geschieht. Mir ging es so, dass ich mit einer Geschichte aus meinem Leben hingekommen bin, die dann gar nicht erzählt werden konnte. Aber ich habe beim Zuhören noch eine zweite Geschichte dazu gefunden.

Gaben und Berufungen des Geistes

„Formed and Freed“ ist das offizielle Motto dieses dritten theologischen Erkundungstages.Wie an den beiden vergangenen Tagen dient die theologische Erkundung letztlich der Wahrnehmung und Präzisierung von Fragen, die sich zur lutherischen Identität zu stellen lohnen. Mit diesen Fragen, soll die Erkundung in den Mitgliedskirchen in eine weitere Phase der Erkundung gehen.

Der sehr inspirierende Vortrag von Prof. Veli-Matti Kärkkäinen begann mit der Kolportage einer Behauptung von Regin Prenter aus den 60 Jahren: Die Theologie Martin Luthers sei durch und durch pneumatologisch - und er fügte auf seine trockene Weise hinzu: Ich glaube, das ist nicht wahr.

Er selber entwickelte auf eine sehr überzeugende Weise die Pneumatologie, die Luthers / lutherische Theologie tatsächlich trägt und wies zugleich auf die Leerstellen hin, an denen heute Weiterentwicklung dringend nötig ist. Wie gesagt, er tat das auf eine sehr anregende Weise.

Die Diskussion kam als zu einem Fazit:
Wir haben eine sehr gute lutherische Theologie des Heiligen Geistes - aber sie ist mehr implizit. Wir müssen besser davon reden!?
Und das berührt auch die Frage der Identität. Besteht lutherische Identität darin, dass lutherische Lehre und Spiritualität jede Ecke der Welt ausleuchten kann? Oder kann sie damit leben, dass sie aus ihrer Situation heraus fragmentarisch und auf die Ergänzung, Stärkung, Bereicherung durch die Gaben anderer angewiesen bleibt?

Ich denke, dass für die Fragen der Theologie des Geistes das Gespräch mit den Pfingstkirchen und den orthodoxen Kirche wichtig ist. So ein Gespräch kann dazu führen, dass man von anderen lernt, aber auch, dass man sich selber besser versteht.

Das Gespräch über den Tag hatte immer wieder mit den Gaben des Geistes, charismatischen Formen von Glauben und Kirche, Heilung - aber auch Mißbrauch und geistlicher Anmaßung zu tun.

Hilfreich fand ich besonders den Hinweis, dass sich eine lutherische Charismenlehre in der Theologie der Berufung und des Berufs finden läßt.  Ich glaube, dass sie unter diesem Vorzeichen und unter der Bedeutung von Arbeit und Beruf für das Leben von Menschen, tatsächlich anzuschauen lohnt.

Eine besondere Dynamik einer solchen wunderbaren Konferenz wurde am Nachmittag deutlich spürbar. Die gelebte Gemeinschaft machte tatsächlich eine Einheit spürbar, die die Entfernung und die Verschiedenartigkeit unserer Kontexte weit hinter sich ließ. Das zeigte sich auch in affirmativen Aussagen zur uns alle verbindenden lutherischen Identität. Wieso eigentlich hatten wir von Identitäten im Plural gesprochen?

Darin liegt eine Gefahr im Blick auf die zu findenden Fragen: wenn die Gebrochenheit und Widersprüchlichkeit der lutherischen Gemeinschaft mit ihren verschiedenen Zentren im Überschwang überspielt wird, kann es sein, dass die Fragen zu harmlos und an der Wirklichkeit der tatsächlichen Herausforderungen vorbei formuliert werden.



Diskussion über Idenität in Äthiopien

Athiopien ist ein Land mit einer sehr schnell wachsenden Bevölkerung von heute etwa 110 Mio Menschen. In diesem Land und seinen Regionen leben verschiedene Völker zusammen, teilweise laufen auch die Religionszugehörigkeiten fast parallel zu den ethnischen Herkünften.

Das Zusammenleben der Völker funktionierte über lange Zeit, so erzählen die älteren Menschen, weitgehend unkompliziert. Angehörige verschiedener Völker und verschiedener Religionen lebten friedlich nebeneinander, die Kinder wuchsen miteinander auf, die Familien aßen miteinander, Frauen und Männer heirateten einander über Volkszugehörigkeiten hinweg.

Die Mekane Yesu Kirche ist eine eher junge, aber ebenfalls schnell wachsende Kirche in Äthiopien. Von ihrer Mitgliedschaft und ihrer Leitung her überwiegend dem Volk der Oromo zugehörig. Das wäre vielleicht in früheren Zeiten kaum erwähnenswert gewesen. 

Aber Äthiopien erfährt in jüngerer Zeit einen Prozess, in dem sich die ethnischen Gruppen entlang ihrer "Idenitäten" auseinanderdividieren. Angehöriger anderer Völker werden vertrieben. Heiraten zwischen Ängehörigen verschiedener Völker werden schwieriger wenn nicht unmöglich. Dieser Prozess hält seit einigen Jahren an und es wächst eine Generation heran, für die diese Realität normal ist. Man spricht von einer "Balkanisierung" Äthiopiens. 

Die Konsultation wurde am ersten Tag ihrer Tagung von einem Chor begrüßt wurde, der traditionelle geistliche Musik mit Gebetsstäben, Trommel und Sistren, mit Gesang und Tanz vorführte. Sie sangen alle Gesänge - nicht auf Oromo, sondern auf Amharisch. Das ist traditionell die vorherrschende Sprache, die in der Kirche gesprochen wird. Sie war auch lange Zeit die allgemeine Sprache in der Schule wie in der öffentlichen Verwaltung. Heute hat sich das differenziert, Schulbildung kann auch in anderen Sprachen geschehen, aber dann ist es manchmal schwierig, den Weg in den öffentlichen Dienst zu finden. Dort werden nach wie vor gute Kenntnisse in Amharisch vorausgesetzt.

Die Wahrnehmung verschiedener Identitäten und ihre Stärkung ist einerseits befreiend, andererseits stellen sich Fragen der Gerechtigkeit ganz neu.

Kann die Kirche einen Unterschied machen und zeigen, dass im Leib Christi nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau ist, sondern wir alle eine/r in Christus sind? Wie kann das gehen? Und wie gut gelingt es der Kirche, dem Trend zur Spaltung etwas entgegenzusetzen?


Vergleiche aktuelle Nachrichten:
https://tsde.de/aethiopien

Donnerstag, 24. Oktober 2019

Geist und Kirche

Der englische Titel "Holy Communion" erschien mir fast ein bisschen zu stark für das Thema, obgleich in einer Gruppe, die am Nachmittag Emanuel Clapsis als griechisch-orthodoxen Gesprächspartner zur Ekklesiologie gehört hat, tatsächlich die eucharistische Dimension der Kirche (transformierend und eschatologisch) zur Sprache gekommen ist, und zwar in Anlehnung an W. Pannenberg (E. Clapsis und W. Pannenberg waren gemeinsam Mitglieder in der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung).

Wir haben am Vormittag von Prof. Jennifer Wasmuth einen sehr gut durchdachten und elementarisierten Vortrag zu Geist und Kirche bei Martin Luther in der Auslegung des dritten Artikels im Kleinen Katechismus gehört. Darin wurde die allgegenwärtige Pneumatologie bei Luther stark vertreten, auch wenn sie nicht explizit und als eigener Gegenstand zur Sprache kommt.

In der Diskussion zeigte sich wieder einmal, dass "Kirche" sehr viele Dimensionen hat und dass sich mehrere Polaritäten anbieten, die aber jeweils nicht das Ganze der Kirche in den Blick bekommen können:

- Sichtbare und unsichtbare Kirche (oder: Kirche als Bewegung zur Zeit Jesu und Kirche als Institution heute?) - das eine kann es nicht ohne das andere geben; auch für die Bewegung zur Zeit Jesu gilt, dass Kirche zuerst eine Gabe Gottes ist, die dem Glauben der Einzelnen vorausgeht. Für die heutigen Herausforderungen in den verschiedenen Kontexten gilt, dass sie ohne die sichtbare Kirche nicht zu bewältigen sind.

- Kirche und der persönliche Glaube von Einzelnen: gibt es Christentum und Heiligung außerhalb der Kirche / ohne Kirche? Die Frage zielte auf Menschen, die sich von Kirche bewußt fernhielten, sie kann sich aber auch auf Menschen beziehen, die unfreiwillig getrennt von anderen Christen und einer Gemeinde leben müssen.
Im Blick auf Luthers Theologie und das Verständnis der lutherischen Tradition gilt aber im Normalfall, dass es Christsein und Glauben ohne Kirche nicht gibt.

- Kirche als Erfahrungsraum für geheilte und transformierende Beziehungen oder Kirche als Ort für verstörende und verletzende Erfahrungen? Eine eschatologische Perspektive auf die Kirche als Ausblick auf das Reich Gottes ist wichtig und relativiert zugleich manche realen Erlebnisse. Kirche wurde und wird auch tatsächlich als Ort der Freiheit und Schutzraum wahrgenommen (z.B. in der DDR). Zugleich muss auch die Seite der tatsächlichen, auch schuldhaften Wirklichkeit der Kirche wahrgenommen und bearbeitet werden, die Menschen verletzt und beschädigt hat.

- Kirche oder Menschheit oder Schöpfung - besonders wenn es um die Wirksamkeit des Heiligen Geistes geht, kann der Blick auf die Kirche zu eng gefasst sein, wenn sich das Wirken des Geistes doch auf das Sehnen der ganzen Menschheit bzw. der ganzen Schöpfung bezieht.
Es könnte aber sein, dass die Lutherische Theologie an dieser Stelle tatsächlich eine Leerstelle hat, weil sie durch ihre soteriologische Fokussierung bestimmt ist. Genau das könnte aber eine Chance sein, ihren ökumenischen Ort, ihre ökumenische Angewiesenheit und ihre ökumenische Aufgabe näher zu bestimmen.

- Kirche als Überbringerin des Evangeliums oder Mitwirkende an der Kolonisierung der Welt? Gerade im globalen Miteinander ist es wichtig, die Geschichten über Mission und Kolonialismus aus den verschiedenen Perspektiven zu erzählen und zu teilen, um sich damit auseinanderzusetzen. Das ist wichtig, auch wenn es andere Stimmen (auch aus dem Süden) gibt, die es für wichtiger halten, nach vorn zu schauen und gemeinsam weiterzugehen.

- Vielleicht ist die wichtigste Aufgabe, auf uns selber zu schauen: Sind wir eine Kirche, in der Menschen, den Heiligen Geist finden können? Würden wir uns selber in unsere Kirche einladen lassen? Was hindert andere Menschen daran, das zu tun? Was hilft ihnen dazu?

Am Nachmittag war ich in einer Gruppe, in der anhand von Musik und Spiritualität von Kindern deutlich gemacht wurde, dass wir Lutheraner allen Grund haben, zum vernünftigen Reflektieren und klugen Nachdenken über den Glauben, die Aufmerksamkeit auf den Körper und seine Sensibilität zu schärfen und in unsere Glaubenspraxis einzubeziehen.  Dazu gehört zeitgemässe kirchliche Musik, die nicht einfach Kopie der Popularmusik sein sollte. Dazu gehören auch körperliche Interaktionsformen zum Ausdruck und zur Erfahrung des Glaubens.

Gabe und Verheißung des Heiligen Geistes

Der erste Tag der Tagung war natürlich geprägt davon, den Ort, die „Gruppe“, die Art und Weise miteinander zu kommunizieren, etc. zu erkunden. Einige der Teilnehmenden sind darin geübter durch langjähriges Engagement, andere sind neu in diesem Feld.

Das Thema des ersten Tages war die Gabe und Verheißung des Heiligen Geistes. Was ist die Besonderheit, was sind die besonderen Akzente lutherischer Pneumatologie? Gibt es diese eigentlich im engeren Sinne?

Das Thema der Identität wird in der Regel relevant und aktuell, wenn diese Identität fraglich wird. Die Herausforderung, auf die die Lutherische Weltgemeinschaft zu antworten versucht, ist die Erfahrung, dass die reformatorische Erneuerungsbewegung in Deutschland und Europa nach 500 Jahren zu einer globalen Gemeinschaft von Kirchen geworden ist.

Dabei ist die Herausforderung, wie Dr. Martin Junge herausstellte, Identitäten immer universal und kontextuell zugleich zu verstehen. Eine Identität, die kontextuell ist, sich aber von der universalen Perspektive abschottet, steht in der Gefahr, das Evangelium zu domestizieren. Eine universalistische Theologie und Lehridentität steht in der Gefahr, abstrakt und lebensfremd über die konkreten Erfahrungen der Menschen hinwegzugehen.

Dabei ist die Frage auch zu beachten, was mit Universalität / Katholizität gemeint ist, inwiefern die globale Gemeinschaft der Lutheraner dem nahekommt; oder ob die Universaltiät / Katholizität auch das Überschreiten / Relativieren der eigenen Identität auf die eine Kirche Jesu Christi hin einschließt.

Konkret gewendet auf die Fragen der Pneumatologie: aus historischen Gründen und aus Gründen der theologischen Fokussierung der reformatorischen Theologie auf die soteriologischen Fragen wird die Gabe des Geistes eng verbunden mit Wort und Sakrament verstanden. Auf welche Weise wird dann die Rolle des Geistes in der Schöpfung verstanden? Wie ist die Gabe des Geistes außerhalb der Kirche in anthropologischer  oder gesellschaftlicher Hinsicht fassbar und verstehbar?
Liegt die Lösung in der Ausarbeitung „lutherischer“ Antworten oder in der Suche nach ökumenisch-theologischen Antworten?

Der Keynotespeaker des Tages, Dr. Kenneth Mtata, charakterisierte die Erfahrung in vielen afrikanischen Gemeinden so, dass die Menschen sehr wohl am Morgen in die Kirche gehen und sich wie lutherische Christen verhalten, aber darüberhinaus am Abend oder in der Nacht indigenen spirituellen Heilern und Propheten folgen, die ihnen mit Bedürfnissen helfen, die in der Kirche nicht befriedigt werden.
Daraus ergeben sich viele weitere konkrete aktuelle Fragen im afrikanischen Kontext.

Aber man kann auch aus europäischer Perspektive fragen: Wo gehen die Menschen in unserem Umfeld „abends“ hin? Was sind die spirituellen Bedürfnisse, die Menschen haben und für die sie in der Kirche keine Nahrung bekommen?

Die Frage der Kontextualisierung berührt natürlich auch die Frage danach, wie sich Glaube und Gerechtigkeit in den sozialen Lebensbezügen berühren.
Kann man die Entscheidungsfindung Luthers in der Auseinandersetzung mit Enthusiasten in Wittenberg und mit den Schwärmern im Umfeld der Bauernaufstände so interpretieren, dass Glaube und Fragen der sozioökonomischen Lebensumstände deutlich getrennt zu betrachten sind?
Was bedeutete dies für die Frage nach Gerechtigkeit  in den weltweiten Kontexten der Kirche heute?
Oder liegt dieser Entscheidungsfindung im 16. Jahrhundert evtl. eine situatives politisches Kalkül zugrunde, das aus theologischer Perspektive und im Blick auf heutige globale Herausforderungen reevaluiert werden könnte?

Dienstag, 22. Oktober 2019

Lutherische Identitäten in pneumatologischer Perspektive

"We believe in the Holy Spirit : global perspectives on Lutheran identities"

So lautet der Titel der Konsultation. Daran sind mehrere Dinge spannend: 

- Ein spezifisch pneumatologischer Zugang zu dem, was uns verbindet und zugleich unsere Besonderheit ausmacht. Wird es gelingen, mit der "Geistvergessenheit" etwas aufzuräumen?

- Der Zugang wird über konkrete Bezüge zu Texten aus den Bekenntnisschriften, speziell dem Kleinen Katechismus hergestellt. Wird der Rückgriff auf die Bekenntnisschriften helfen, einen scharfen und differenzierenden Blick auf die herausfordernden Kontexte des 21. Jahrhunderts zu werfen?

- Von lutherischen Identitäten wird in der Mehrzahl gesprochen. Wird es gelingen die Ambivalenzen des Identitätsbegriffs, der gerade auch in politischen Zusammenhängen der Gegenwart eine teilweise schwierige Rolle spielt, gut zu beleuchten und zu klären?

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Fragen über Fragen

Ein wesentliches Ziel der Konsultation war von Anfang an die Generierung von geeigneten, guten Fragen für eine Verständigungsprozess in den ...