Wir haben am Vormittag von Prof. Jennifer Wasmuth einen sehr gut durchdachten und elementarisierten Vortrag zu Geist und Kirche bei Martin Luther in der Auslegung des dritten Artikels im Kleinen Katechismus gehört. Darin wurde die allgegenwärtige Pneumatologie bei Luther stark vertreten, auch wenn sie nicht explizit und als eigener Gegenstand zur Sprache kommt.
In der Diskussion zeigte sich wieder einmal, dass "Kirche" sehr viele Dimensionen hat und dass sich mehrere Polaritäten anbieten, die aber jeweils nicht das Ganze der Kirche in den Blick bekommen können:
- Sichtbare und unsichtbare Kirche (oder: Kirche als Bewegung zur Zeit Jesu und Kirche als Institution heute?) - das eine kann es nicht ohne das andere geben; auch für die Bewegung zur Zeit Jesu gilt, dass Kirche zuerst eine Gabe Gottes ist, die dem Glauben der Einzelnen vorausgeht. Für die heutigen Herausforderungen in den verschiedenen Kontexten gilt, dass sie ohne die sichtbare Kirche nicht zu bewältigen sind.
- Kirche und der persönliche Glaube von Einzelnen: gibt es Christentum und Heiligung außerhalb der Kirche / ohne Kirche? Die Frage zielte auf Menschen, die sich von Kirche bewußt fernhielten, sie kann sich aber auch auf Menschen beziehen, die unfreiwillig getrennt von anderen Christen und einer Gemeinde leben müssen.
Im Blick auf Luthers Theologie und das Verständnis der lutherischen Tradition gilt aber im Normalfall, dass es Christsein und Glauben ohne Kirche nicht gibt.
Im Blick auf Luthers Theologie und das Verständnis der lutherischen Tradition gilt aber im Normalfall, dass es Christsein und Glauben ohne Kirche nicht gibt.
- Kirche als Erfahrungsraum für geheilte und transformierende Beziehungen oder Kirche als Ort für verstörende und verletzende Erfahrungen? Eine eschatologische Perspektive auf die Kirche als Ausblick auf das Reich Gottes ist wichtig und relativiert zugleich manche realen Erlebnisse. Kirche wurde und wird auch tatsächlich als Ort der Freiheit und Schutzraum wahrgenommen (z.B. in der DDR). Zugleich muss auch die Seite der tatsächlichen, auch schuldhaften Wirklichkeit der Kirche wahrgenommen und bearbeitet werden, die Menschen verletzt und beschädigt hat.
- Kirche oder Menschheit oder Schöpfung - besonders wenn es um die Wirksamkeit des Heiligen Geistes geht, kann der Blick auf die Kirche zu eng gefasst sein, wenn sich das Wirken des Geistes doch auf das Sehnen der ganzen Menschheit bzw. der ganzen Schöpfung bezieht.
Es könnte aber sein, dass die Lutherische Theologie an dieser Stelle tatsächlich eine Leerstelle hat, weil sie durch ihre soteriologische Fokussierung bestimmt ist. Genau das könnte aber eine Chance sein, ihren ökumenischen Ort, ihre ökumenische Angewiesenheit und ihre ökumenische Aufgabe näher zu bestimmen.
- Kirche als Überbringerin des Evangeliums oder Mitwirkende an der Kolonisierung der Welt? Gerade im globalen Miteinander ist es wichtig, die Geschichten über Mission und Kolonialismus aus den verschiedenen Perspektiven zu erzählen und zu teilen, um sich damit auseinanderzusetzen. Das ist wichtig, auch wenn es andere Stimmen (auch aus dem Süden) gibt, die es für wichtiger halten, nach vorn zu schauen und gemeinsam weiterzugehen.
- Vielleicht ist die wichtigste Aufgabe, auf uns selber zu schauen: Sind wir eine Kirche, in der Menschen, den Heiligen Geist finden können? Würden wir uns selber in unsere Kirche einladen lassen? Was hindert andere Menschen daran, das zu tun? Was hilft ihnen dazu?
Am Nachmittag war ich in einer Gruppe, in der anhand von Musik und Spiritualität von Kindern deutlich gemacht wurde, dass wir Lutheraner allen Grund haben, zum vernünftigen Reflektieren und klugen Nachdenken über den Glauben, die Aufmerksamkeit auf den Körper und seine Sensibilität zu schärfen und in unsere Glaubenspraxis einzubeziehen. Dazu gehört zeitgemässe kirchliche Musik, die nicht einfach Kopie der Popularmusik sein sollte. Dazu gehören auch körperliche Interaktionsformen zum Ausdruck und zur Erfahrung des Glaubens.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen