Der erste Tag der Tagung war natürlich geprägt davon, den Ort, die „Gruppe“, die Art und Weise miteinander zu kommunizieren, etc. zu erkunden. Einige der Teilnehmenden sind darin geübter durch langjähriges Engagement, andere sind neu in diesem Feld.
Das Thema des ersten Tages war die Gabe und Verheißung des Heiligen Geistes. Was ist die Besonderheit, was sind die besonderen Akzente lutherischer Pneumatologie? Gibt es diese eigentlich im engeren Sinne?
Das Thema der Identität wird in der Regel relevant und aktuell, wenn diese Identität fraglich wird. Die Herausforderung, auf die die Lutherische Weltgemeinschaft zu antworten versucht, ist die Erfahrung, dass die reformatorische Erneuerungsbewegung in Deutschland und Europa nach 500 Jahren zu einer globalen Gemeinschaft von Kirchen geworden ist.
Dabei ist die Herausforderung, wie Dr. Martin Junge herausstellte, Identitäten immer universal und kontextuell zugleich zu verstehen. Eine Identität, die kontextuell ist, sich aber von der universalen Perspektive abschottet, steht in der Gefahr, das Evangelium zu domestizieren. Eine universalistische Theologie und Lehridentität steht in der Gefahr, abstrakt und lebensfremd über die konkreten Erfahrungen der Menschen hinwegzugehen.
Dabei ist die Frage auch zu beachten, was mit Universalität / Katholizität gemeint ist, inwiefern die globale Gemeinschaft der Lutheraner dem nahekommt; oder ob die Universaltiät / Katholizität auch das Überschreiten / Relativieren der eigenen Identität auf die eine Kirche Jesu Christi hin einschließt.
Konkret gewendet auf die Fragen der Pneumatologie: aus historischen Gründen und aus Gründen der theologischen Fokussierung der reformatorischen Theologie auf die soteriologischen Fragen wird die Gabe des Geistes eng verbunden mit Wort und Sakrament verstanden. Auf welche Weise wird dann die Rolle des Geistes in der Schöpfung verstanden? Wie ist die Gabe des Geistes außerhalb der Kirche in anthropologischer oder gesellschaftlicher Hinsicht fassbar und verstehbar?
Liegt die Lösung in der Ausarbeitung „lutherischer“ Antworten oder in der Suche nach ökumenisch-theologischen Antworten?
Der Keynotespeaker des Tages, Dr. Kenneth Mtata, charakterisierte die Erfahrung in vielen afrikanischen Gemeinden so, dass die Menschen sehr wohl am Morgen in die Kirche gehen und sich wie lutherische Christen verhalten, aber darüberhinaus am Abend oder in der Nacht indigenen spirituellen Heilern und Propheten folgen, die ihnen mit Bedürfnissen helfen, die in der Kirche nicht befriedigt werden.
Daraus ergeben sich viele weitere konkrete aktuelle Fragen im afrikanischen Kontext.
Aber man kann auch aus europäischer Perspektive fragen: Wo gehen die Menschen in unserem Umfeld „abends“ hin? Was sind die spirituellen Bedürfnisse, die Menschen haben und für die sie in der Kirche keine Nahrung bekommen?
Die Frage der Kontextualisierung berührt natürlich auch die Frage danach, wie sich Glaube und Gerechtigkeit in den sozialen Lebensbezügen berühren.
Kann man die Entscheidungsfindung Luthers in der Auseinandersetzung mit Enthusiasten in Wittenberg und mit den Schwärmern im Umfeld der Bauernaufstände so interpretieren, dass Glaube und Fragen der sozioökonomischen Lebensumstände deutlich getrennt zu betrachten sind?
Was bedeutete dies für die Frage nach Gerechtigkeit in den weltweiten Kontexten der Kirche heute?
Oder liegt dieser Entscheidungsfindung im 16. Jahrhundert evtl. eine situatives politisches Kalkül zugrunde, das aus theologischer Perspektive und im Blick auf heutige globale Herausforderungen reevaluiert werden könnte?
Mit der Konsultation „We believe in the Holy Spirit : Global Perspectives on Lutheran Identities“ beabsichtigt der Lutherische Weltbund einen Studienprozess unter intensiver Beteiligung der Mitgliedskirchen bis 2023 zu beginnen, der sich nach dem 500. Jubiläum der Reformation mit der Frage nach der Identität / den Identitäten der weltweiten Gemeinschaft der lutherischen Kirchen widmet.
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Ein wesentliches Ziel der Konsultation war von Anfang an die Generierung von geeigneten, guten Fragen für eine Verständigungsprozess in den ...
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